Anschrift: Köpenzeile 125 | D-12557 Berlin | Tel. (030) 76 76 37 50

Berliner Zeitung, 24. April 2004

Berliner Zeitung, 24.04.2004, Ressort: Politik, Autor: Tobias Miller, Tagesthema Seite: 02

Zahlen und lernen
BILDUNG - Der Anteil der Privatschulen in Deutschland steigt. Nach dem vernichtenden Urteil der Pisa-Studie wollen auch viele Berliner Eltern vor allem eines: besseren Unterricht für ihre Kinder.

BERLIN, 23. April. Die Unzufriedenheit der Eltern mit den Berliner Schulen lässt sich besichtigen, etwa im Köpenicker Ortsteil Wendenschloss. Dort muss der Bezirk zwei Schulen aufgeben. Zu wenig Kinder. Die Realschule in der Köpenzeile 125 ist schon weg, das benachbarte Nelly-Sachs-Gymnasium zieht spätestens 2006 ins Allende-Viertel. Aber die Bildung geht nicht unter: An gleicher Stelle entstehen zwei neue Privatschulen. Die haben - trotz Schulgeld - keine Probleme, genügend Schüler zu finden. Viele Eltern zahlen lieber für die Bildung ihrer Kinder, als sich auf kostenfreie staatliche Schulen zu verlassen.
Seit 2000, dem Jahr des Pisa-Schocks, sind in Berlin elf neue allgemein bildende Privatschulen gegründet worden. In den fünf Jahren davor waren es gerade mal fünf. Während landesweit die Schülerzahl seit 1995 um 60 000 sank, stieg die Zahl der Privatschüler von 13 500 auf 17 000.
Die Schulen, die in Köpenick entstehen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Auf dem Gelände des Nelly-Sachs-Gymnasiums soll das erste evangelische Gymnasium in Ost-Berlin gegründet werden. In die alte Realschule an der Köpenzeile ist bereits im Februar die Freie Montessori Schule eingezogen. Die Motive der Eltern, die die Schulgründungen initiierten, sind ähnlich: "In staatlichen Schulen fällt zu oft Unterricht aus und die Lehrer sind stark überaltert", sagt Detlef Postel.
Postel ist Chef des Fördervereins des Evangelischen Gymnasiums. Allein schon wegen der zu großen Klassen in öffentlichen Schulen könnten die Lehrer relativ wenig individuell auf die Schüler eingehen, sagt er. Am neuen Gymnasium sollen pro Klasse nicht mehr als 25 Kinder lernen.
Bei Gabi Dietrich und Martina Jambor war es die Regel-Pädagogik der staatlichen Schulen, die sie gestört hat. Die beiden sind die Vorsitzenden des Elternfördervereins für Montessori-Pädagogik in Köpenick. Schon vor Jahren haben sie sich für diesen Ansatz begeistern lassen, der auf altersübergreifendes Lernen, individuelle Lernpläne und Projektarbeit setzt. Zunächst war es ihnen gelungen, mit anderen Eltern an einigen Grundschulen in Köpenick Montessori-Klassen zu bilden. "Da stieß man aber schnell an Grenzen", sagt Dietrich. So spielen Zensuren bei Montessori keine Rolle. Der Wunsch wuchs, eine eigene Schule zu gründen. Zwei Jahre wurde an dem Konzept gearbeitet. Heraus kam eine Bildungseinrichtung, die vom Kindergarten bis zum Abitur führt. Im Februar 2003 wurden die Anträge gestellt, im Februar 2004 ging es los: mit 15 Kindern im Kinderhaus und 20 Kindern in der Grundschule.
Über mangelnde Nachfrage kann die Montessori-Schule nicht klagen. Dabei ist die Schule nicht billig. 140 Euro Schulgeld im Monat sind fällig, dazu kommen Hortbeiträge, für die Betreuung am Nachmittag. Und die ist Pflicht. "Der Hort gehört zum Schulprogramm", erläutert Jambor.
Zudem muss eine einmalige Aufnahmegebühr von 500 Euro gezahlt werden. Günstiger geht es kaum, obwohl die Pädagogen nur 75 Prozent des Tarifgehaltes bekommen. Die freie Montessori-Schule gehört nämlich nicht zu den so genannten bewährten Trägern. Das heißt, sie bekommt in der Aufbauphase kein Geld vom Staat. Die Aufbauphase dauert so lange, bis der erste Jahrgang die letzte Klassenstufe erreicht. Bei der Grundschule sind es fünf Jahre. Halten die Eltern durch, erhält die Schule 93 Prozent der Personalkosten einer öffentlichen Schule. "Ohne Kredit geht es nicht", sagt Dietrich. Den bekommt die Elterninitiative von der Bochumer Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken. Als Sicherheit müssen aber alle Eltern eine Bürgschaft von 3 000 Euro zeichnen.

Zuschüsse vom Land
Dieses Finanzierungsproblem hat das evangelische Gymnasium nicht. Die evangelische Schulstiftung, die Trägerin der Schule, ist vom Staat bereits anerkannt. Sie bekommt vom ersten Unterrichtstag an einen Zuschuss. "Allerdings nicht über die volle Höhe", sagt Manfred Hermann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Statt 93 gibt es zunächst aber nur 78 Prozent. Dennoch wird das Schulgeld, wie an allen evangelischen Schulen zwischen 45 und 125 Euro betragen.
Die Bedingungen für Schulgründungen sind in Berlin eigentlich gar nicht schlecht, sagt Hermann. Da in Berlin relativ viele staatliche Schulgebäude wegen des Schülerschwunds leer stehen. Wäre da nicht das Geld. Oft müssen die alten Schulen saniert werden. Dazu kommt, dass sich die Bezirke und vor allem der Finanzsenator Mieten und Verkaufspreise wünschen, die die freien Träger nicht bezahlen können. Aber insgesamt sei die Zusammenarbeit gut, sagen die beiden Schulinitiativen. Sie warten noch auf einige Genehmigungen.



Konzepte und Kosten // In Deutschland gab es im Jahr 2002 nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 2 500 Privatschulen. Ihr Anteil an den deutschen Schulen insgesamt stieg von 4,5 Prozent im Jahr 1992 auf 6,2 Prozent.

Alle Schulen außerhalb der öffentlichen Trägerschaft (Staat) gelten als Privatschulen. Etwa 80 Prozent werden von der katholischen und evangelischen Kirche getragen. Allein an katholischen Schulen lernen 370 000 der 590 400 deutschen Privatschüler. Hinzu kommen Schulen, die von Vereinen getragen nach bestimmten pädagogischen Konzepten arbeiten, etwa Montessori- und Waldorfschulen. Auch andere freie und Internatsschulen zählen dazu.
Montessori- und Waldorfschulen entwickelten sich aus der Reformpädagogik Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wollen die Entwicklung der Persönlichkeit fördern, setzen wenig auf traditionellen Unterricht, dafür auf emotional gestütztes und soziales Lernen. "Hilf mir, es selbst zu tun" war das Motto der Medizinerin, Reformerin und ersten Dottoressa Italiens, Maria Montessori.
20 Prozent aller Eltern würden für ihr Kind eine Privatschule wählen, vorausgesetzt es gäbe genügend Plätze. Das teilte der Bundesverband Deutscher Privatschulen (VDP) mit.
Der Staat unterstützt die staatlich anerkannten Privatschulen mit 60 bis 80 Prozent der Kosten. In manchen Bundesländern und Kirchenbezirken ist der Besuch für die Schüler kostenlos. Konfessionelle Schulen verlangen selten mehr als 50 Euro im Monat.
An teuren Privatschulen wie mehrsprachigen Gymnasien oder Internaten kann das Schulgeld mehrere tausend Euro im Jahr betragen. Etwa 30 Prozent der privaten Schulen bieten eine Ganztagsbetreuung an.