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Neues Deutschland, 27.Januar 2004

Neues Deutschland, 27.01.2004

Eine Schule mit Zeit für Samba
In Wendenschloss öffnet im Februar eine Montessori-Gesamtschule

Von Michael Haering

Wenn Uwe Reyher nicht persönlich ans Telefon gehen kann, meldet sich eine Kinderstimme auf seinem Anrufbeantworter: "Du kannst uns gerne eine Nachricht hinterlassen, wir rufen dann vielleicht zurück." Uwe Reyher ist der zukünftige Grundschullehrer der ersten freien Montessori-Gesamtschule in Berlin mit einem angeschlossenen Kinderhaus.
"Ich bin der Uwe", stellt sich der sympathische Mittvierziger mit leichtem sächsischen Akzent auf einer der regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltungen den etwa 30 Eltern vor. Maria Montessori habe eine Methode entwickelt, die "vom Kinde ausgeht". Entscheidend sei, dass man Dauer und Inhalt des Unterrichts den Bedürfnissen der Kinder anpasse und nicht umgekehrt. "Ich lass mir Zeit, es klingelt ja nicht nach 45 Minuten." Dafür steht auch das Montessori-Symbol der Schnecke, das jemand mitten in den Umbauarbeiten mit bunter Kreide mannshoch in die Eingangshalle der neuen Schule gemalt hat.
Nach langen Verhandlungen mit dem Bezirk hat der Elternförderverein Treptow-Köpenick für Montessori-Pädagogik seit Dezember kostenlos das Gebäude eines ehemaligen Gymnasiums in der Köpenzeile 125 in Wendenschloss zur Verfügung gestellt bekommen. Durch seine Waldnähe, das Gartengelände und seine zwei Etagen genügt es den Ansprüchen einer einzügigen Montessori-Gesamtschule mit Kinderhaus und perspektivisch sogar mit der berlinweit ersten gymnasialen Montessori-Oberstufe.
Maria Montessori war die erste promovierte Kinderärztin und Heilpädagogin in Italien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete sie erst mit behinderten, später auch mit nicht-behinderten Kindern. Sie stellte fest, dass ihnen meist nur eine kindergerechte Umgebung und geeignetes Material fehlten, damitsich ihr Interesse für ein konzentriertes Arbeiten entfalten kann.
Uwe Reyher legt vor versammeltem Publikum auf einem Tisch kreisförmige Holzplättchen aneinander, die in unterschiedliche Brüche zersägt sind. Er nimmt den ersten Kreis in beide Hände, der den Einser darstellt, und tut so, als breche er ihn ganz dramatisch in zwei Teile. So erklärt ein Montessori-Lehrer seinen Schülern das Bruchrechnen. "Kinder lernen mit allen Sinnen", erläutert der diplomierte Deutsch- und Kunstlehrer die Arbeit mit den "Sinnesmaterialien", darum sei es so wichtig, den Unterricht nicht nur abstrakt zu gestalten. Das vorbereitete Montessori-Material ermögliche es den Kindern, auch eigenständig zu lernen, ohne dass eine Lehrerautorität ständig eingreifen und korrigieren müsse.
In den umliegenden Ortsteilen Schöneweide, Grünau und Rahnsdorf konnten bereits in den letzten Jahren einzelne Montessori-Klassen in staatlichen Grundschulen durchgesetzt werden. Aber erst in einer selbstverwalteten Schule werden die Eltern unmittelbar zu Arbeitgebern der Lehrer. Dafür zahlen sie ein Schulgeld von 95 Euro zuzüglich einer Vereinsbeitrags von 35 Euro im Monat und eine einmalige Pauschale von 500 Euro pro Kind von der Einschulung an.
In der Montessori-Ganztagsschule werden 20 Kinder pro Lerngruppe angestrebt, im Kinderhaus zwei Gruppen à 15 Kinder, wobei immer mindestens zwei Betreuer anwesend sind. In jeder Lerngruppe arbeiten drei Jahrgänge zusammen, so dass in der ersten Klasse normalerweise 6-, 7- und 8-jährige Kinder zusammen unterrichtet werden, eine Methode, die auch zunehmend vom staatlichen Schulbetrieb übernommen wird. So entstünden neue soziale Rollen, wie sie auch in der Familie oder auf dem Spielplatz alltäglich sind, meint Uwe Reyher. Die Älteren werden zu Helfern des Lehrers und bringen den Jüngeren bei, was sie gelernt haben. Außerdem vertiefen sie dabei ihr eigenes Wissen. Die Jüngeren werden neugierig, wenn die Älteren komplizierte Zusammenhänge kennen lernen.
Bis zur 10. Klasse werden keine Noten verteilt. "Wenn Ihre Kinder laufen lernen, geben Sie Ihnen ja auch keine Noten", so Reyher entwaffnend. Eine sprachliche Beurteilung sei viel natürlicher, Und wenn ein Kind gerne den Klassenraum verlassen will, dann ist das jederzeit möglich. Körperlicher Bewegungsdrang und individuelle Lernphasen werden respektiert. Beim Verlassen des Gebäudes scheint die große, bunte Schnecke zu sagen: "Lass dir Zeit", während im Hintergrund Sambatrommeln zu hören sind.
Jeden Donnerstag 17-19 Uhr, Köpenzeile 125, Gesprächskreis für Eltern, Einschulung ab Februar 2004. Kontakt auch unter: www.montessoriverein.de
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe des "neuen Deutschland" vom 27.01.04